Dienstag, 15. Juni 2021

Auszug: „Transgender und mein Versuch, es zu begreifen“

Vorwort
Zwischendurch wollte ich schon aufgeben, weil sich das Thema mehr und mehr ausweitete. Auf der Website des Bundesverbands Trans* e.V. las ich, dass dieser sich für „Trans*personen im weiteren Sinne“ einsetzt, die da wären Menschen, die sich als transsexuell, transident, transgeschlechtlich, transgender, genderqueer, trans*, trans, nicht-binär, Crossdresser, Transfrau, Transmann bezeichnen. Um Himmels willen, was ist das alles, entfuhr meinen Lippen! 
Das Wort „queer“ fing an, für mich Bedeutung zu bekommen. Ah, das ist eine Art Überbegriff für die ganze Szene. Früher war es ein Schimpfwort, aber jetzt nutzen ihn alle, „die von den Begehrens-, Geschlechter- und Körpernormen abgewichen sind“. Und da gibt es ja einige: Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans- oder intergeschlechtliche Menschen. All das, was sich hinter Buchstabenketten wie LSBTI verbirgt. Aber es kommen immer neue Buchstaben und Zeichen dazu: LSBTTIQ* las ich unlängst. Wow! Und dann – immer noch nicht vollständig: LGBTQQIAAP. (Leider kann ich mir so lange Buchstabenketten nie merken, das geht mir schon bei meinen Passwörtern so!)
Gleichzeitig lernte ich, ist queer heute weit über die Sexthemen hinausgewachsen ist. Es geht um unterdrückte Gruppen (Alter, Rasse, Sex) dann gibt es „Bestrebungen, Binaritäten wie heterosexuell/homosexuell, weiß/schwarz, männlich/weiblich aufzulösen und sich überkreuzende, gleichzeitige und aufeinander bezogene Unterdrückungsverhältnisse abzubauen, die mit Gruppenkategorien wie age, class, race oder sex und gender näher bestimmt werden“.
Sollte ich nicht doch lieber meine Finger von diesen gewaltigen Themen lassen, die ja alle irgendwo auch zusammenzugehören scheinen? 
Ich entdeckte, wie viele Organisationen, Beratungsstellen, Treffpunkte, Initiativen es in dieser für mich unübersehbaren Welt gab. Mir brummte der Kopf! Meine erste (von einigen) Krise! Das war ein ganzer neuer Erdteil!
Langsam fing ich an zu verstehen, dass ich nicht einfach nur „normal“ bin (was ich bis dahin immer gedachte hatte), sondern ein “Heteromann“ oder noch präziser ein „cis Mann“, alt (Jahrgang 1948!) und mit weißer Hautfarbe natürlich auch. In dieser neuen Welt bin also ich es, der der Fremde ist. Trotz meiner gelegentlichen Verwirrung und dem Gefühl überfordert zu sein - das Thema transgender ließ mich nicht mehr los …
Wie jemand, der zum ersten Mal ein fremdes, vielleicht auch gefährliches (vermintes?) Territorium erkundet, tastete ich mich vorwärts. Ich wollte einfach mehr von dem Ganzen verstehen! Dazu brauche ich einfache Worte, die in mir Resonanz finden, dann kann ich etwas gefühlsmäßig nachvollziehen. Je mehr Fremdworte auftauchen, desto fremder werden mir auch beschriebene Situationen. In der Schule schon und später an der Uni habe ich mir komplizierte und komplexe Aussagen deshalb in einfache Sprache „übersetzt“. Das versuche ich auch hier.

 

Wann ist ein Mann ein Mann? 
Ein trans Mann ist jemand, der mit einem weiblichen Körper geboren ist, sich aber als Mann fühlt und sich deshalb als Mann bezeichnet. Er muss dazu nicht umoperiert sein, er kann trans Mann sein auch in einem weiblichen Körper. Bei der trans Frau ist es umgekehrt. 
Oder anders: Transgender liegt dann vor, wenn das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht („ich bin eine Frau“) auseinanderklafft mit den Genitalien des anderen Geschlechts („ich bin eine Frau und habe einen Penis“). 
„Trans* bezieht sich also auf die Geschlechtsidentität; Oberbegriff und Selbstbezeichnung von/für Menschen, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei Geburt zugewiesen wurden. Hierzu zählen z.B. Transgender, Transsexuelle, trans* Personen, Transidente u. a.“ 

Das erste Lesen dieser Aussagen war für mich neu, verblüffend und verwirrend. Wenn ich mich in den Kreisen meiner Bekannten umhöre, geht es vielen genauso. Wie kann das sein? Und was bedeutet ein Wort wie „zugewiesen“?
Erstaunlicherweise ist mir vieles nach ein paar Monaten der Beschäftigung mit den Themen vertraut, ja selbstverständlich geworden. So dass ich mich heute wundere über alle anderen, die sich wundern …

Um klarer zu werden, suchte ich zunächst eine Antwort auf die Frage: Was macht einen Mann zum „Mann“? Ich nehme den Mann, weil ich ein Mann bin (oder es wenigsten bis zur Arbeit an diesem Buch angenommen habe …). Deswegen interessiert mich diese Frage persönlich. Vielleicht haben die Antworten ja Rückwirkungen auf mich und mein Verständnis von mir als Mann. (Spiegelbildlich passen die Ausführungen genauso für die „Frau“.) 
Dann fand ich in dem „transgender studies reader“ den Hinweis, dass in der Trans-Theorie grundlegend anerkannt wird, dass die Trans-Position problematisch ist. Die Etiketten "Mann" und "Frau" sind unzureichend, um die Trans-Erfahrung zu beschreiben, da sich die Geschichte und das Wissen der Trans-Personen von der Welt so sehr von der des "als Mann geborenen Mannes" oder der "als Frau geborenen Frau" unterscheidet. 
Im Grunde bedeutet das also, das ich im Nebel stochere und hoffe, auf Substantielleres zu stoßen. Aber nichtsdestotrotz!

 

Zwischenbilanz: Meine Einstellung zu transgender 
Es gibt Menschen, für die die Erkenntnis trans zu sein, eine Befreiung ist. Wenn sie sich outen, verbessert das grundlegend ihr Lebensgefühl. Eine Operation zur geschlechtlichen Anpassung mag dann ein weiterer Vollzug davon sein.  
Über die folgenden Aussagen freue ich mich und beglückwünsche die Betreffenden. 
„Mit meinem Coming Out musste ich wirklich eine jahrelange Scham durchbrechen, die mich sehr belastet und eingeschränkt hat. Dadurch habe ich auch festgestellt, was alles unter dieser Scham liegt. Wie viel entspannter es sich leben lässt, wenn man sich ein bisschen davon befreit.“ 
„Ich veränderte mich nicht nur äußerlich, es geschah etwas in und mit mir. Mein Fühlen, mein Denken, meine Wahrnehmungen und Handlungen änderten sich. Sobald ich als Frau unterwegs war, war nicht mehr der Mann in mir, es war etwas fundamental anders. Mehr und mehr fühlte ich, dass ich eigentlich nur noch so leben möchte, dass ich nicht mehr als testosterongesteuerter Macho unterwegs sein möchte, der ich eigentlich gar nicht bin. Jeder Ausflug als Frau war ein kleiner Erkundungstrip in mein Innerstes, in meine weibliche Seele. … Ab jetzt begann die eigentliche Transition, der Weg von der gefühlten Frau im männlichen Körper zur Frau in mir, die darauf schon so lange wartete. Es ist kaum zu beschreiben, wie sich das anfühlte. Eine irre Mischung aus Neugier, Hoffnung, ja, fast kindlicher Begeisterung und Ungeduld. Mein Innerstes jubelte, ich war glücklich wie noch nie!“
Es gibt auch Menschen, die hoffen, durch ein anderes Geschlecht die Lösung ihrer Schwierigkeiten zu finden. Sie halten sich irrtümlich für transgender. Eine geschlechtsumwandelnde Operation kann für so jemand zu einer gewaltigen Belastung werden. Dazu kommt später ein eigenes Kapitel.
Es gibt transgender auch als Zeitströmung, als Mode und Revolte gegen das Vergangene. Transgender kann jemand helfen, alte Geschlechterrollen aufzulockern, vielleicht sogar sie zu verlassen und mit neuen Möglichkeiten zu experimentieren. Wenn jemand das dazu nutzt, dann freue ich mich darüber.

 

Transgender – warum und wie kommt es dazu? 
Die Kraft, die auf trans Menschen wirkt, ist gewaltig. Trans Mann Wolfrum: „Transident, damit können nur die Wenigsten auf Anhieb etwas anfangen. Im Gehirn denke und fühle ich männlich, mein äußerer Körper entspricht dem einer Frau. Transidente Menschen erleben dieses Auseinanderklaffen von Denken und Körper schon sehr früh in ihrem Leben. Kindern sage ich in den Wochen danach oft: Stell dir vor, du musst dein ganzes Leben in einem Faschingskostüm herum laufen und darfst es nicht ausziehen. Eigentlich bist du jemand anderes, aber kannst es nicht leben. Seit ich über mich nachdenke, fühle ich mich nicht als richtiges Mädchen oder als Frau – was auch immer das sein mag. Ich fühle mich im falschen Körper.“ 
Von ganz allein drängt sich die Frage nach möglichen Ursachen auf. Ist diese Kraft geistig oder biologisch? Oder beides? Und wie und warum und wozu wirkt sie?

Ein Freund von mir brachte als Erklärung die Idee der Seelenwanderung. Da hat jemand im letzten Leben als Frau den Mann vergiftet oder als Mann die Frau erschlagen. Zum karmischen Ausgleich (Strafe? Belohnung?) werden sie dann im nächsten Leben jeweils im anderen Geschlecht geboren. Klingt irgendwie sympathisch ...

Die Wissenschaft sucht auf der biologischen Ebene. Gibt es vielleicht ein noch unentdecktes Gen oder ein bestimmtes Hormon, das transgender erklären könnte? So dass trans Mann Ben recht hat, wenn er lapidar sagt: „Ja, den Konstruktionsfehler in meiner DNA habe ich lange ausbaden müssen.“
Existiert vielleicht eine Art „gender-Areal“ in unserem Gehirn? So dass der trans Mann dem cis Mann und die trans Frau der cis Frau in diesem besonderen Merkmal gleichen? Dass also doch die Biologie dem Geist vorgeht? Es ist alles noch sehr strittig.

 

Transgender - die neue Heldenreise
Transgender fasziniert. Medien schwingen im Zeitgeist mit und nähren die Faszination. Erstmals erschien im März 2021 ein trans Mann auf dem Titel des "Time"-Magazins. Darauf ist der kanadische Schauspieler Elliot Page zu sehen, der sich erst im Dezember zuvor outete. Cool steht Elliot auf dem Foto da, die Titelzeile dazu „I’m fully who I am.“ Im "Time"-Interview spricht er davon, andere Menschen bei ihrem Coming-out unterstützen zu wollen.
Oder das Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 20. September 2019. Der Titel „Aus Leoni wird Leon. Bilder eine Verwandlung“. Das farbige Titelbild zeigt Leoni/Leon mit kurzen Haaren, einer engen Sporthose und nackten Oberkörper mit  Brüsten. Im Heft dann auf 13 Seiten mit 10 ganzseitigen Fotos „Das Tagebuch einer Transformation“ auf dem Weg von Leoni zu einem immer männlicher wirkenden Leon. Auf Bild 3 sind die Brüste noch abgebunden, auf Bild 4 dann wegoperiert. 
Das Tagebuch dazu geht von Mai 2016 mit dem Outing des 17-Jährigen. 29. August zum Beispiel: „Eizellenentnahme im Kinderwunsch Zentrum München. Ich muss die Eier entnehmen lassen, bevor ich mit den Hormonen anfange, weil das Testosteron mich schnell unfruchtbar machen wird. Ich weiß ganz sicher, ich möchte eines Tages Kinder haben.“
Ist das der neue Weg von der Raupe zum Schmetterling? Ja, meint trans Frau Michelle, als sie gefragt wird: „Wie fühlte es sich für dich an, als aus Michael Daiber Michelle Daiber wurde?“ Michelle: „Wie eine Befreiung. Aus dem ‚Raupen‘-Stadium bin ich raus, jetzt bin ich eine ‚Puppe‘ im Kokon. Und nach der geschlechtsangleichenden Operation werde ich dann zum Schmetterling. (lächelt)“
Das kann neidisch machen. Würde nicht jede/r von uns gern die Raupe und das beschwerliche Leben hinter sich lassen und als Schmetterling in den Lüften tanzen? 

Heranwachsende auf der Suche nach sich selbst
Im Internet können Kinder sich heute schon früh mit den Fragen nach ihrem Geschlecht auseinandersetzen. Auf der Website Testedich.de schaue, finde ich eine Reihe einschlägiger Tests: 
Beispiele dafür:
    • Junge oder Mädchen - Was bin ich wirklich?
    • Welchem Geschlecht gehöre ich an?
    • Welches Geschlecht habe ich? (für weiblich geborene Menschen)
    • Bin ich ein Mann oder eine Frau? (im Inneren)
    • Zu wie viel Prozent bist du ein Junge/Mädchen?
    • Bin ich eher Junge oder Mädchen?  

Jede/r kann sich wohl selber einen Test einfallen lassen und dann auf diese Website stellen. Linus hat einen solchen Test „Welche Geschlechtsidentität habe ich?“ mit 10 Fragen erstellt und Juni 2017 ins Netz gestellt. Inzwischen wurde er über 140.000 Mal aufgerufen. 
Als Beispiel einer Frage die Frage 9:
Geschlechtsidentität ist kein binäres System, d. h. es gibt nicht nur Mann und Frau, sondern auch viele andere Geschlechter dazwischen. Und wenn du jetzt in dich gehst und dich selbst fragst (ohne die ganzen Klischees gegenüber Frauen und Männern), was denkst du, bist du?

Unter dem Test haben Kinder und Jugendliche Mitteilungen gepostet. Viele nutzen diese Möglichkeiten, ihrem Herzen Luft zu machen. Sie zeigen die Verunsicherung, die vielleicht schon immer da war, aber heute besonders groß scheint. 

Toni 06.07.20 „Ich hatte so ne Zeit, in der ich unbedingt ein Junge sein wollte. Ich habe öfters recherchiert was ich denn bin. Nach einer Weile, bin ich zur Schulsozialarbeiterin gegangen und sie hat mit mir oft darüber geredet. Mit meinen Eltern kann ich nicht über so ne Sachen reden weil alles „schlecht“ ist was sie nicht mögen. Ich bin jetzt 14 und es geht seit mehreren Jahren so. Mal will ich unbedingt ein Junge sein, mal ist es mir egal. Ich kleide mich nicht wie andere Mädchen, eher Sonnen Mittelding und ich versteh mich viel besser mit Jungs. ICH weiß nicht mehr was ich machen soll.“ 

Anna 28.05.20 „Ich bin grade so in einer Sackgasse. Ich habe keine Idee als was ich mich ‚identifiziere‘ oder ‚fühle‘.. ich weiß nicht wie ich mich ‚richtig‘ kleiden soll, wie ich angesprochen werden möchte oder ob mich mein Name richtig widerspiegelt.. ich fühl mich nicht als Mann oder Frau. Ich bin als Mädchen geboren und bin einfach nicht wie alle andern in meinem Alter. Ich trag keine Schminke, keine Kleider, keine Röcke, keine kurze Hosen, Schminke mich nicht und interessier mich nicht für Jungs (das ist auch noch ein anderes Thema) oder erfülle dieses „kliche“ von einem Teenager Mädchen. Andererseits ist dieses Bild von einem Jungen nicht passend für mich. Ich kleide mich zwar öfter so aber kann mir nicht vorstellen als Junge zu leben. Ich weiß einfach nicht, was mit mir los ist.. 

Little unstable 01.07.18 „Ich weiß nicht genau ‚was‘ ich bin. Ich bin körperlich zwar ein Mädchen fühle mich aber sehr oft viel mehr wie ein Junge. Hin und wieder aber habe ich dann doch das Gefühl ein Mädchen zu sein. Ich würde sagen ich fühle mich 70% der Zeit wie ein Junge, 20% wie ein Mädchen und 10% weiß ich es überhaupt nicht... Idk, ist etwas schwierig. Wenn ich mich festlegen müsste wäre ich aber am liebsten ein Boy, weil ich mich am allermeisten so fühle. Ich steh btw trotzdem auf Jungs, ich weiß das hat nicht soo viel damit zu tun aber ja. Um es kurz zu sagen, ich bin körperlich ein Mädchen, fühle mich aber am ehesten wie ein ("schwuler") Junge“

 

Gruppen, Opfer und Individuen
Zurück zu den Schlachtreihen der Opfer und Täter! Wer gewinnt den Kampf? Es sieht danach aus, dass sich die progressiven Schlachtreihen auf breiter Front durchsetzen. Es gibt dabei keine Diskussionen, Überzeugungsarbeit oder sogar Einigung über das, was praktisch und sinnvoll scheint. Was also sind die Argumente, was sind die Waffen?
Als ich anfing, mich mit den Auseinandersetzungen um transgender zu befassen, überraschte mich etwas. Da gab es bestimmte Argumente, die sich wiederholten und die für mich in derartigen Auseinandersetzungen neu waren. 
Oft ging es um das gute Gefühl, das jemand nicht genommen werden darf. So stimmen beide Transgender-Läuferinnen, gegen die in Connecticut geklagt wird, überein, dass es für ihr Wohlbefinden von zentraler Bedeutung war, gegen Mädchen laufen zu können. Wohlbefinden als Argument in einer sachlichen Auseinandersetzung? Das hatte ich so noch nicht gehört. 
In die gleiche Kerbe haut eine Behauptung, die Argumente ersetzen soll: „Das verletzt mich.“ „Das hat mich verletzt.“ Diese Worte haben heute eine fast magische Wirkung, wenn jemand etwas erreichen oder jemand bestrafen will.  

Ich weiß noch, wie ich als 8-Jähriger mich von meiner Mutter gekränkt fühlte, an Winnetou dachte und dann versuchte den Schmerz zu unterdrücken mit dem Mantra „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ So wollte ich sein, mannhaft und selbst am Marterpfahl keine Miene verziehen. Auch sonst gab es die Botschaften „Sei keine Heulsuse! Kein Jammerlappen! Benimm dich nicht wie ein Mädchen!“

Meine frühen Ideale von Männlichkeit werden also heute den Kopf gestellt! Das ist nicht unbedingt verkehrt, nur kommt mir das Umkippen in das krasse Gegenteil extrem vor.
Nie wäre ich in einer Auseinandersetzung auf die Idee gekommen, dass die persönliche Verletztheit als Argument zählt. „Das ist unfair“  war eher eine Aussage, die mir in den Sinn kam. Die Folge von Unfairness ist natürlich, dass ich verletzt bin, aber das schien mir eher ein privater Nebenschauplatz, den ich nicht eigens benennen musste. Heute wird die persönliche Verletztheit fast zu einem Totschlagargument, denn im Vergleich damit scheinen andere Argumente nicht zu zählen.

Die Intensität der Gefühle in diesem Feld ist enorm! Ich merke beim Schreiben, wie schwierig mir selbst der bloße Versuch fällt zu differenzieren oder zu verstehen. Denn bloße Argumente scheinen zu schwach, dem emotionalen Tsunami, der hier rollt, zu widerstehen.

Mit Staunen entdeckte ich noch mehr. Es ist gar nicht die Frage, ob bei zwei Streitparteien die eine mehr verletzt wird als die andere. Ausschlaggebend scheint,    w e r   von beiden durch irgendwelche Worte oder Handlungen verletzt ist. Aber auch das ist nicht konkret genug, denn auf die betroffene Person und ihre Verletztheit wird eigentlich nicht wirklich geschaut. 
Der entscheidende Faktor ist, zu welcher Gruppe jemand gehört! Es geht um etwas Kollektives. Es genügt, wenn nur irgendeine/r aus der „richtigen“ Gruppe sich verletzt fühlt. Das ist das entscheidende Gewicht für die Waagschale, was richtig und falsch ist.
Und bei den Gruppen gibt es ein großes Sortiermuster: Die Täter auf die einen Seite, die Opfer auf die andere! Damit eine Verletzung Gewicht hat, muss sie jemand auf der richtigen Seite, der Opferseite, erleiden. Eine kleine Verletzung von jemand auf der Opferseite zählt mehr als eine schwere Verletzung, die jemand auf der Täterseite erleidet.

 

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