(Er-)Lösung duch Familien-Stellen?

Familienaufstellungen boomen

Das Interesse an Aufstellungen bei Laien und Fachleuten ist in den letzten Jahren immens gewachsen. Bert Hellinger hat mit seiner Arbeit und seinen Entdeckungen einen Nerv der Zeit getroffen.
Seine Bücher sind inzwischen Bestseller, die ursprünglich allein über Mundpropaganda in viele Auflagen gelangen. Die Seminare von Bert Hellinger selbst sind innerhalb von wenigen Wochen ausgebucht.
1998 organisierte ich mit ihm eine dreitägigen Lehrveranstaltung in Freiburg, bei der er seine Arbeit mit Schwerkranken vor Fachleuten demonstrierte. Sieben Monate vor dem Termin waren alle 650 Plätze ausgebucht. Bis zum Termin mußte ich die fast die gleiche Anzahl von Interessenten abweisen.
Der Zulauf zu Seminaren zum Familienstellen ist enorm. Es scheint der einzige Wachstumssektor unter den therapeutischen Richtungen zu sein. Familiensteller schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Spannbreite des beruflichen Hintergrunds unter denjenigen, die Familien stellen und sich dabei auf Hellinger berufen, ist weit. Sie erfaßt auf der einen Seite den fachlich geschulten Psychotherapeuten, den erfahrenen Psychiater und den langjährigen Psychoanalytiker, geht über Sozialarbeiter, Heilpraktiker und Lehrer und sie reicht bis zum therapeutisch wenig erfahrenen Lebensberater und zum Hobbypsychologen. So wurde mir von der gutmeinenden Pfarrersfrau erzählt, die begeistert nach einem Wochenendseminar bei Bert Hellinger am Montagabend in der Gemeinde die ersten Aufstellungen durchführte.
Es herrscht Aufbruchsstimmung, aber auch Wildwuchs unter den Familienstellern. Grundsätzlich kann jeder von sich behaupten, dass er Familien stellt nach Bert Hellinger. Es genügt, dass einer von der Arbeit fasziniert ist und sie sich zutraut. Es gibt kein "Copyright". Wer sich genügend inspiriert fühlt, setzt diese Arbeit ein.
Es gibt viele, die das Stellen in ihre bisherige Berufstätigkeit integrieren. Es gibt andere, die ganz oder überwiegend in Gruppen mit Klienten Familien stellen und sich damit ein neues Berufsfeld schaffen. Ich habe bereits von einer Psychologiestudentin gehört habe, die als Berufsziel "-Stellen" angab.

 

Wellen auf dem Psychomarkt

Familien-Stellen ist also eine große neue Welle auf dem Psychomarkt. Regelmäßig branden solche gewaltigen Wellen neuer therapeutischer oder gesellschaftsverändernder Ideen an unsere Ufer. Immer entsteht dann eine Art Aufbruchsstimmung. Die neue Richtung erreicht die Menschen, steckt sie an, begeistert sie, beeinflusst ihr Denken und Handeln.
So geschah es mit den Ideen um die antiautoritäre Erziehung von 0ÎNeill in Summerhill.
Das Buch "Der Urschrei" von Janov zeigte die Bedeutung von frühkindlichen Verletzungen und faszinierte Unzählige.
Wesentlich für modernes Gedankengut war auch die Gestalttherapie. Ich weiß selbst, wie damals Ideen wie "immer wieder frisch aus dem Hier und Jetzt des Moments heraus und nicht nach vorgegebenen Mustern, die ein Charakter beinhaltet" - mir eine neue Gedankenwelt eröffneten.Die letzte große Welle war, so wie mir scheint, das Neuro-Linguistische Programmieren, das NLP, mit dem ich mich selbst intensiv auseinandergesetzt habe. Es proklamiert die Selbstverantwortung, dass wer die eigene Kraft weckt, sein Leben erfolgreich meistert und damit sozusagen den Weg zum Glück gefunden hat.
Und wenn wir weit genug zurückschauen, dann war auch die Psychoanalyse eine derartige Welle, die zu der damaligen Zeit wohl langsamer, aber deswegen nicht weniger mächtig, die alten Ufer überschwemmte.

 

Solche Wellen haben einiges gemeinsam. Regelmäßig beinhalten sie zweierlei:
Da ist zum einen die Substanz, der Kern. Da sind neue, oft revolutionäre Gedanken, Erkenntnisse und Sichtweisen. Diese Erkenntnisse wirken sich aus in dem Leben derjenigen, die sich mit auseinandersetzen. Sie beeinflussen das Denken und Handeln. Sie verändern Werte und Haltungen. Zu dieser Substanz des Familien-Stellens komme ich später.
Zum anderen gewinnen diese Welle eine Energie und Kraft, die über den Wert ihrer Gedanken hinaus reicht. Zusätzliche Schubkraft kommt hinzu. Meine Beobachtung und Vermutung: Diese Energie, aus der dies gespeist wird, kommt aus dem Wunsch und der Sehnsucht nach Erlösung und dem Wundertäter, der dies bewirkt.

 

Der Wunsch nach Erlösung

In den meisten von uns schlummert anscheinend die unaustilgbare, unverwüstliche Hoffnung nach Erlösung. Allzuoft erleben wir die Erde als Jammertal. Wir leben in Zwängen, Spannungen und Ängsten. In uns wach bleibt die Sehnsucht am Leben nach Freiheit, nach Entspannung und nach Geborgenheit. Diese Hoffnung auf Erlösung ist auch eine Grundlage der christlichen Religion.
Frühere Generationen waren überwiegend der Meinung, dass sie dieses Ziel durch ein gottgefälliges Leben, in dem sie all das Mühselige annahmen, erreichen würden. Ihre Belohnung würde der Frieden im Himmel sein.
Diese Überzeugungen, dieses Vertrauen auf die himmlische Belohnung schwindet bei vielen heute mehr und mehr. Die Suche geht danach, Erlösung - wenn überhaupt möglich - im Diesseits zu erreichen. Jede neuartige Methode mit guten Wirkungen - so auch das Familien-Stellen - wird erst einmal von dieser Hoffnung begleitet.
Je weniger Erfahrung jemand hat, je mehr jemand verdrängt, je stärker die positiven Wirkungen, die er zunächst durch eine Methode erfahren hat, desto größer die Hoffnung und der Glaube.
Wer Erlösung sucht, hofft, mit Hilfe der Methode in kurzer Zeit und mit im wesentlich geringem Aufwand alles Belastende abzuschütteln: die Ängste und Nöte, die Spannungen und den Streß. Der Traum: Wir stellen unsere Familie und damit sind wir auf wunderbare Weise heil und erlöst von dem, was uns innerlich quält. Es ist wie ein Wunderbad, das uns bis in die Tiefe erfrischt und befreit. Etwas - die Methode - oder irgend jemand - der die Methode anwendet - hat uns befreit auf wunderbare Weise. Und dann ist alles gut. Der Sehnsucht geht dabei zurück in die kindliche Geborgenheit, Sicherheit und Nestwärme, die wir einmal erlebt oder uns damals erhofft haben. Die Hoffnung ist kindlich und regressiv.

 

Von woher stammt ein solcher Wunsch, eine solche Sehnsucht?

Wenn jemand starke Sehnsucht erlebt, dann ist das wie die nach oben zeigende Seite einer Münze. Drehen wir diese Münze um, dann kommt Schmerz zum Vorschein.
Schmerzen, die Kinder zunächst erfahren und dann unterdrücken, gehören unausweichlich mit zur menschlichen Entwicklung. Wer geboren wird, ist ganz und gar offen und empfänglich. Die Welt enthält viel Trauriges, Schlimmes und Grausames. Ein Kind spürt das, entdeckt es im Untergrund all derer, mit denen es in Berührung kommt. Es ist zu viel, es anzunehmen und auszuhalten und muss deshalb unterdrückt werden. Dennoch bleibt das Unterdrückte weiter in uns wohnen. Es offenbart sich nur selten direkt und unmittelbar - beispielsweise, wenn jemand in einer Beziehung verlassen wird und der Schmerz als fast unerträglich erlebt wird. Im Regelfall wird der verborgene Schmerz nur indirekt sichtbar - und zwar als Sehnsucht. Je mehr Schmerz jemand in sich trägt, den er verdrängt und nicht wahrhaben will, desto größer ist seine Sehnsucht, desto stärker sind die Träume. Denn die Energie, die die Sehnsucht speist, kommt von diesem Schmerz.

 

Regelmäßig gehört zum Glauben an die Wundermethode auch der Glaube an den Wundertäter. Ein Teil dieser Erwartungen und Sehnsüchte macht sich regelmäßig fest an dem Menschen, der eine solche Methode entwickelt oder entdeckt hat.
Was ist der Wunsch? Da muss es doch jemand geben, der mich mit rückhaltloser Liebe akzeptiert, der frei von Schwächen ist, der mich und meine Probleme ganz versteht und mich dann schließlich von ihnen erlöst.
Wer dann glaubt, endlich die richtige Person gefunden zu haben, blickt mit großen Kinderaugen hoch zu dieser Person. Wer diesen Blick hat, befindet sich in einer Art Trance. Der kritische Erwachsene, der das, was er sieht und hört, mit seinen eigenen Erfahrungen im Inneren abgleicht, ist verschwunden. Da steht ein Kind, das gefangen ist im eigenen Traum, das nur das hört, was es hören will und nur das sieht, was es sehen will. Wie derjenige sich verhält, zu dem es aufschaut, ist ihm egal. Jeder Wesenszug, jede Aussage, die nicht in das eigene Bild paßt, wird so umgedeutet, dass das Bild des Übermenschlichen erhalten bleibt. Die Hoffnung ist wie eine Brille, der jede andere Realität ausblendet.
Beim Familienstellen ist für etliche Bert Hellinger der Wundertäter. Wie stark diese Erwartungen sind, wurde mir bei dem von mir 1998 organisierten Seminar mit Hellinger deutlich. Fast ein Jahr vorher erhielt ich die ersten Anfragen von Klienten, die in schweren, brandaktuellen Krisen steckten und auf eine mögliche Aufstellung mit Hellinger 10 Monate später hofften. Obwohl das Seminar ausgebucht, kamen einige Leute auf gut Glück von weit her angereist, nur in der Hoffnung, doch noch - irgendwie - hineinzukommen. Selbst eine sonst bei Mitgliedern therapeutischer Berufe eher unübliche kriminelle Energie brach durch, indem jemand mit einer selbst gefälschten Eintrittsplakette auffiel. Dass es am zweiten Tag beim Einlaß eine Stunde vorher ein aggressiver, hitziger Run auf die ersten Plätze einsetzte, beleuchtet dieses Phänomen nur noch am Rand.
Wundergläubige sind also immer Teil einer solchen Welle, Leute, die sich ein Stück weit klein und abhängig machen - auch von Bert Hellinger. Das geschieht unabhängig von der jeweiligen Person, die die neuen Ideen in die Welt gesetzt hat, und ihren Absichten.

 

Die Gläubigen rufen jedoch dann automatisch die auf die Szene, denen Abhängigkeit und Gläubigkeit ein Greuel ist. Sie setzen sich aber nicht mit dem Phänomen dieser Gläubigkeit auseinander, sondern stürzen sie sich lieber auf den vermeintlichen Guru als ihrem Gegner.
Die kritischen Beobachter der Szene des Familien-Stellens haben schon früh den Begriffe des "Gurus" ins Spiel gebraucht. Ursula Nuber differenziert 1995 in der "Psychologie heute" noch: "Hellinger sagt von sich selbst, er sei kein - Guru". Und sicherlich hatte er, im Gegenteil zu anderen Psycho-Gurus, die die Therapie- und vor allem die Esoterik-Szene bevölkern, niemals die Absicht, ein Guru zu werden. Er kann aber nicht verhindern, dass seine Fans und Anhänger ihn zu einem Guru machen, weil sie ganz offensichtlich ein starkes Bedürfnis nach Autorität und Führung haben. Und das ist das eigentlich Beunruhigende am Phänomen Bert Hellinger."
Vier Jahre später beauftragt die gleiche Zeitschrift schon ein Mitglied der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, um über Hellinger zu schreiben, und stellt ihn damit in die Ecke der Sekte. Von da ist es auch zum aufreißerischen Titel (einer ansonsten seriösen) Radiosendung des Deutschlandfunks nicht weit: "Modetherapie ?FamilienaufstellungÎ: Wunderwaffe im Familienkonflikt oder Scharlatanerie an der Grenze zur Psychosekte?"

 

Was steckt denn dahinter, wenn jemand wie ein Kind zum Wundertäter oder Erlöser aufschaut?
Dazu gibt es wichtige Erfahrungen in Familienaufstellungen. Ich erinnere mich an eine Aufstellung, bei der eine ganze Familie n eine Richtung blickte, wo aber niemand stand. Alle Mitglieder waren überzeugte Anthroposophen. Rudolf Steiner wurde in dieser Familie mitaufgestellt und er war der Mittelpunkt, zu dem alle schauten. Die ganze Aufmerksamkeit der Familie strömte zu ihm.
Das veränderte sich, als der Vater des Vaters dazu aufgestellt wurde. Vorher unsichtbare Spannungen wurden sichtbar. Diese Spannungen wurden durch die geammelte Aufmerksamkeit für Steiner versteckt und unterdrückt, sozusagen aus der Familie" und vom Großvater abgespalten.
Das gleiche Prinzip wird auch in sehr religiösen Familien sichtbar, die ganz und gar auf Gott ausgerichtet sind. In einer solchen Familienaufstellung ist es ein mutiger Schritt, auch für Gott einen Stellvertreter aussuchen zu lassen und ihm einen Platz in der Familie zu geben. Der Stellvertreter von Gott fühlt regelmäßig inneren Frieden und Liebe. Anders jedoch die Familienmitglieder, die ihm gegenüberstehen. Sie sind voller Erwartungen, Unzufriedenheit und Ärger.
Wird dann noch der Vater dazugestellt, wird plötzlich sichtbar, wie Gott als Projektionsfigur für die Spannungen und Unerfülltheit, das Unausgesprochene, die Geheimnisse herhalten mußte. Plötzlich wird sichtbar, dass die meisten dieser Gefühle Personen in der Familie gelten. Aber statt mit ihnen das Verhältnis zu klären und zu lösen, werden alle Erwartungen, aller Schmerz und alle Enttäuschung auf Gott verlagert.So steht da dann eigentlich ein Kind, dessen Gottesbild vom Bild des Vaters überlagert und verzerrt wird. Beginnt der Klient jedoch, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen, schwindet ein Teil der Trübung in der Wahrnehmung von Gott. Dann hat Gott weiter seinen Platz in der Familie, aber es ist so, als ob sein Platz jetzt ein Stück reiner und unbefleckter ist. Er ist mehr als reine Präsenz spürbar.

 

Noch ein Bestandteil gehört zur Hoffnung auf Erlösung gesprochen und auf einen Menschen als Erlöser, den". Außerdem gibt es bei jeder solcher Welle die ". Missionare sind überzeugt von der Erlösungswirkung ihrer Methode. Sie wollen sie verbreiten und andere erreichen. Wer skeptisch ist, wird als Gegner ausgemacht. Einschränkungen, Bedenken, Zweifel sind nicht erlaubt. Woher kommen sie? Es sind die Gläubigen (die mit den leuchtenden Kinderaugen). Nach kurzer Zeit suchen sie ihrerseits nach Anhängern, die wie sie voll und ganz überzeugt sind. Außerdem: Um eigene Zweifel in sich zu übertönen, ist es am günstigsten, andere von der Methode zu überzeugen.

 

Bisher habe ich mich mit dem Wunsch nach Erlösung auseinandergesetzt. Das  - man kann es fast Tragische nennen - ist jedoch: Es gibt keine Methode, die die gewünschte Erlösung bringt. Lösungen allerdings sind möglich. Bert Hellinger selbst nennt das Wort "Lösungen" als zentrales Thema seiner Arbeit.

 

Die Substanz des Familien-Stellens

Was beinhaltet diese Arbeit?: Was ist nun das Neue, das Familien-Stellen vermittelt, die Substanz, die ich vorhin erwähnt habe? Was ist die Grundlage der Lösungen?
Ich will zwei Themen als Schwerpunkte nennen.
1. Jede Familie ist ein Geflecht über viele Generationen. In diesem System herrschen bestimmte Ordnungen.
In diese Ordnungen werden Kinder hineingeboren. Kinder sind ein Teil der Ordnung - die Ordnung ist ein Teil von ihnen. Trotz mancher Ausnahmen wiederholen sich diese Ordnungen oder auch Gesetzmäßigkeiten immer wieder.
Ihre Grundlage ist: Eine Familie über mehrere Generationen hinweg läßt sich mit einem Mobile vergleichen. Wenn ein Ungleichgewicht entsteht, erfolgt sofort eine Reaktion an einer anderen Stelle, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Kinder sind am empfänglichsten für alle Energien im System und sie stellen sich voll in den Dienst des Gleichgewichts.
Alles, was von Mitgliedern einer Familie unterdrückt wird, löst sich deshalb nicht in Luft auf, sondern "geistert" im System herum. Dazu gehören Gefühle, die nicht ausgedrückt wurden, Mitglieder, die zu Unrecht ausgeschlossen wurden, Schuld, die jemand auf sich geladen hat. Die Neuankömmlinge, nämlich die Kinder, übernehmen diese Energien und sind so mit ihren Vorfahren ", indem sie deren Haltungen, Gefühle, Schicksale übernehmen.

 

Hier das Beispiel einer Ordnung: Jedes Mitglied einer Familie gehört in gleicher Weise zur Familie. Jedem, der zur Familie gehört, gebührt Achtung. Wenn jemand diese Achtung nicht erwiesen wird und er zu Unrecht aus der Familie ausgeschlossen wird, hat das in den nächsten Generationen schlimme Folgen.

 

Die Klientin hat noch nie das Gefühl gehabt, wirklich zu ihrer Familie zu gehören, immer stand sie am Rande. Sie ist dann mit 18 Jahren ausgezogen und hat bald geheiratet. Die Ehe hielt nicht lang und auch die nächste Liebe zerbrach schnell. Jetzt lebt sie schon seit 10 Jahren allein und hat kaum Freunde und Bekannte. Die wenigen Kontakte mit ihren Eltern und Geschwistern sind ihr eher lästig.
Als sie anfängt, Familienforschungen zu betreiben, findet sie heraus, daß ihre Großmutter eine geistig behinderte Schwester hatte. Dieses wurde in der gutbürgerlichen Familie als Schande empfunden und früh in ein Heim weggegeben. Dort starb sie nach drei Jahren, und keiner in der Familie erwähnte sie mehr.

 

Die Klientin ist, wie sich in der Aufstellung zeigt, mit der geistig behinderten Großtante verbunden und vertritt sie. Deshalb lebt sie so, als ob sie die Großtante wäre. Das geht natürlich nicht vollständig, denn sie ist weder geistig behindert noch lebt sie in einem Heim. Aber es sieht von außen so aus, als ob sie versucht, ein ähnliches Schicksal zu imitieren. Deshalb schließt sie sich aus der Familie aus und vollzieht die innere Trennung und die Einsamkeit nach. Das geschieht ohne Absicht, wie von allein. Die Großnichte hatte auch nie zuvor von der Großtante gewußt - auch das spielt keine Rolle. Schicksale von aus der Familie Ausgeschlossenen wiederholen sich. Es ist so, als ob die ausgeschlossene Person und ihr Schicksal damit wieder ins Bewußtsein der Familie gerückt werden sollte. Das kann jemand sein, der in der Psychiatrie war, eine Zeitlang im Gefängnis saß oder jemand, der aus der Familie weggeschickt wurde und auswanderte.
Auch wer in ein Kloster als Nonne oder Mönch geht oder Priester wird, schließt sich damit ein Stück aus seiner Familie aus. Die Betreffenden haben sich dem Zölibat geweiht, werden so keine Kinder bekommen und schließen sich damit von demjenigen Fluß des Lebens aus, der durch die Familien über die Kinder weitergeht. Wer sich dem Himmel verschreibt, trifft eine Entscheidung gegen das normale Leben auf der Erde.
Familienaufstellungen zeigen oft, daß dieser Schritt im Dienst der Familie aus Sühne oder als Nachfolge eines Ausgeschlossenen geschieht. So gehen Schicksale weiter über die Generationen und die Person, von der es ausgegangen ist, ist oft nicht mehr festzustellen.

 

Noch ein weiteres Beispiel einer wichtigen Ordnung. Wenn jemand als Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener, etwa bis zum Alter von 25 Jahren stirbt, hat der Tod weitreichende, tiefgehende Folgen auf die übrigen Familienmitglieder. Diese Konsequenzen erfolgen automatisch und entziehen sich individuellen und persönlichen Eigenheiten.
Der Tod wirkt sich unmittelbar auf die überlebenden Geschwistern aus. In ihnen entsteht eine Art von Schuldgefühl, denn sie sind am Leben geblieben, während der Bruder oder die Schwester sterben mußte. Tief drinnen wird es erlebt, als sei es ein Unrecht weiterzuleben. Aus diesem Gefühl heraus entsteht in den Lebenden eine Bewegung zum Tod, denn sie möchten dort sein, wo ihre Geschwister sind. "Ich folge dir nach." Dieser Satz drückt diese Bewegung zum Tod aus, der ihnen aber nicht bewußt ist.
Ein solcher folgenreicher früher Tod ist besonders der, wenn ein Kind tot geboren wird. Auch ein solches Kind zählt als Geschwister! Jedes Kind, das mit Hilfe überlebensfähig gewesen wäre (also etwa ab dem 5. Monat), gehört zu den Kindern und sein Tod wirkt sich auf die anderen aus. Ein später geborenes Kind muß nicht einmal von der Existenz eines solchen Kindes wissen. Trotzdem spürt es diesen Tod und trägt ein Schuldgefühl, dass es selbst leben darf.
Daraus entsteht die Neigung zum Tod. Die Wirkungen schauen von außen gesehen unterschiedlich aus. Oft finden schwere Krankheiten in jungen Jahren hier die Ursache. Der Wille zum Leben ist geschwächt, und der Körper reagiert mit Krankheiten. Andere gehen Richtung Tod, indem sie den Weg über Exzesse und Drogen nehmen. Oder wieder jemand anders liebt lebensgefährliche Sportarten und setzt sich so dem Tod aus. So mancher Autoraser, der den Tod findet, mag diesem Sog des "ich folge dir nach" erlegen sein. Manchmal wird dieser Sog hinter einer Art verzweifelter Lebenslust sichtbar oder hinter enormen Spannungen, die jemand zu Höchstleistungen antreiben, sei es im Spitzensport oder im Beruf.
Oft ist es diese Todessehnsucht, die jemand immer wieder an die Grenze zwischen Leben und Tod führt. Die Angst vor dem Tod, die andere von dieser Gratwanderung abhält, scheint in solchen Personen nicht zu existieren.
Das zeigen typisch die Aussagen von Jacques Villeneuve, Rennfahrer der Formel 1. Als er ein Kind war, starb sein Vater mit nur 32 Jahren, ebenfalls als Rennfahrer in den Trümmern seines Ferraris. Der Sohn sagt heute im Interview: "Wenn man um die Krone des Motorsports fährt, dann muß man manchmal dieses Gefühl spüren: uuh, das war knapp, was bin ich froh, daß es gereicht hat. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, und du weißt, beinahe wärst du runtergefallen." "Eine körperliche Angst kenne ich nicht. Es gibt Momente, in denen mein Herz richtig stark anfängt zu schlagen und es tief drinnen weh tut. Es ist nicht Angst, aber es ist ein außergewöhnliches Gefühl."
Mit diesem Wissen um die Wirkungen des frühen Tods erscheinen manche Ereignisse, die die Presse berichtet in einem anderen Licht. Da wird zum Todestag von Elvis Presley, der mit 42 Jahren depressiv und 125 Kilogramm schwer starb, in einem mehrseitigen Fotobericht bemerkt: "Einer der finanziell erfolgreichsten Künstler aller Zeiten war qualvoll gestorben - an zu vielen Drogen, maßlosem Ruhm und einer Überdosis Einsamkeit." Dann wird ein Bild aus dem Elternhaus mit zwei Betten gezeigt, neben dem steht: "Zur Erinnerung an den bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruder Jesse standen in Memphis immer zwei Betten."

 

2. Kinder sind ihren Eltern und ihrer Familie treu.

Kinder sind ihren Eltern treu, Vater und Mutter, beiden in gleicher Verbundenheit. Aus der Treue zu ihren Eltern wiederholen sie ähnliche Schicksale und ähnliches Unglück. Dazu gehört es, dass Kinder es selten oder nie wagen, auf Dauer ein erfüllteres, glücklicheres Leben zu führen als ihre Eltern. Denn wenn ein Kind auf Dauer glücklicher leben würde als Vater oder Mutter, käme es ihm tief drinnen vor, als ob es die Eltern verraten würde.
Viele, mir bekannte Therapierichtungen sehen Kinder mehr als die Opfer ihrer familiären Umstände. Da hatte ein Kind das Pech, in eine wie auch immer belastete Familie hineingeboren zu werden. Um zu überleben, mußte sich das Kind an die Eltern, deren Leben, Verhalten und Wünsche anpassen. Weil es die Liebe und Sorge der Eltern zum Überleben braucht, tut es alles, um sie zu erlangen, verrät sich sozusagen. So wird es den Eltern ähnlich. Wer einen besonders krassen Standpunkt wie Beispiel Alice Miller annimmt, kann den Eltern noch die Schuld an dem Geschehen geben. Sie sind die eigentlichen Täter - die Kinder sind die Opfer.
Da wir alle Eltern haben, können wir uns nach dieser Auffassung, wenn uns etwas an unseren eigenen Wesenszügen und Reaktionen nicht paßt, als Opfer fühlen. Wir kommen mit dieser Sichtwiese zu einer bestimmten Haltung, nämlich der Opferhaltung mit den entsprechenden Gefühlen.
Das Besondere an Bert Hellingers Sichtweise ist der neue Blickwinkel. Hellinger verlagert den Schwerpunkt - und in Aufstellungen können wir immer wieder die Richtigkeit dieses Ansatzes beobachten.
Kinder sind nicht passiv und bedürftig nach Liebe, sondern aktiv und sie lieben selbst mit einer enormen Kraft und Hingabe. Sie wollen aus dieser Liebe heraus kein besseres Leben haben als ihre Eltern. Oft teilen sie deshalb das Schicksal ihrer Eltern. Mit einem auf Dauer glücklicherem Leben ist ihnen, als ob sie die Verbindung zu den Eltern unterbrächen.

 

Eine Patientin mit Krebs im Rollstuhl wird auf die Bühne gefahren, auf der Hellinger arbeitet. Er fragt sie nach ihrer Krankheit und ihrem Anliegen. Sie sagt: "Ich habe Krebs." Hellinger meint zu ihr: "Du scheinst glücklich. Du lächelst, wenn du davon erzählt." Zu den Zuschauern gerichtet meint er: "Das Lächeln beim Erzählen des Schlimmen ist das Zeichen für die systemische Verstrickung. Man ist glücklich, wenn man das vorgegebene Schicksal erfüllt."

 

Aus der Verbindung mit der Familie entsteht eine tiefe innere Zufriedenheit. Dieses leise Glück zeigt sich an dem leichten Lächeln, mit dem viele von ihrem Unglück erzählen. Da jammert jemand über sein finanzielles Pech oder ein anderer beklagt sich über sein Unglück in der Ehe - und immer spielt ein leises Lächeln um die Mundwinkel.
Wer einmal anfängt auf diese kleine Lächeln zu achten, entdeckt es häufig in seiner Umgebung bei Bekannten und Freunden, wenn diese ihr Unglück schildern. Deshalb verpuffen unsere guten Ratschläge und Hilfsangebote. Sie stören dieses heimliche Glück.

 

An der Oberfläche nimmt jemand diese Liebe und Verbindung zu seiner Familie nicht wahr. Ja oft wehrt er sich bewußt und ausdrücklich dagegen. "Ich will nicht so sein wie mein Vater." "Ich werde es ganz und gar anders machen als meine Mutter" So sind die Sätze, die jemand oft leiten.
Aufstellungen zeigen oft, dass gerade mit diesem Widerstand die Ähnlichkeit zu Vater und Mutter gegeben ist. Denn auch der eigene Vater oder die eigene Mutter wollte anders werden als ihr Vater und ihre Mutter. Es gehört sozusagen mit zur Familientradition, auf keinen Fall so wie die Eltern werden zu wollen. Darin sind sich alle in dieser Familie gleich über die Generationen hinweg. Es geschieht also das Paradox: Wenn ich als Kind zu dieser Familie gehören will, muß ich anders werden wollen als meine Vater und meine Mutter.

 

Lösungen durchs Familien-Stellen

Wie sehen nun Lösungen durch Aufstellungen aus? Was ist überhaupt unter Lösung zu verstehen?
Wer seine Familie aufstellt, erzielt dadurch bisweilen große Veränderungen. Hier das Zitat einer Klientin, die drei Monate zuvor ihre Familie aufgestellt hatte:
"Entscheidungen werden klarer und Konsequenzen ebenfalls. Achtung und Würde in Beziehung haben einen hohen/höheren Stellenwert bekommen. Das nachpubertäre, kritische Auge gegenüber allem Alten ist einer Achtung gewichen, die trotzdem Fehler kritisch benennen kann. Meine Aufgaben als Mutter nehme ich immer öfters mit liebevoller Selbstverständlichkeit wahr als früher, wo es oft eher mit grimmiger Entschlossenheit einherging."
Zu dem Thema, was Lösungen sind und wie sie entstehen, fiel mir vor ein paar Wochen ein Buch in die Hand von James N. Frey "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt". Darin schildert er anschaulich, welche Prinzipien notwendig sind, damit ein Schriftsteller einen spannenden Roman zustande bringt. Für das, was er für Romanfiguren schreibt, finde ich genügend Parallelen im tatsächlichen Leben. Ich zitiere:
Figur im Roman (oder - das ist jetzt von mir : eine Figur im Leben) ist dann spannend (oder: lebendig), wenn sie alle ihre Fähigkeiten nutzt, um ihr jeweiliges Ziel zu erreichen. Dabei hat jede Person eine maximale Kapazität. ?Aber, werden Sie sagen, was ist, wenn die Fähigkeiten meiner Figur gering sind? Spielt keine Rolle. Sie wird innerhalb dieser Fähigkeiten tun, was sie kann, und genauso für Überraschungen und Entzücken sorgen."
Es gehört ebenfalls zur Maximalkapazität einer Figur, sich zu verändern, sich zu entwickeln, zu wachsen. Figuren sind nicht aus Beton. Sie sind lebendig, und nichts Lebendiges bleibt unverändert. Was sie veranlaßt, sich zu ändern, ist der Zauberstab des Geschichtenerzählers (oder der Zauberstab des Lebens): Konflikt."
leiden ebenso wie reale Menschen an inneren Konflikten. Reale Menschen schwanken oft in ihren Entscheidungen. Von Unentschlossenheit gequält haben sie Schuldgefühle, Ängste, Bedenken, Zweifel, Skrupel und ähnliches. Das alles sind Anzeichen für einen inneren Konflikt. Innere Konflikte machen Figuren nicht nur interessant, sondern wirklich unvergeßlich für den Leser."
Ein Konflikt kann sich nur entwickeln, wenn sich die Figur entwickelt. Mit zunehmendem Konflikt verändert sich die Figur."
spannende Geschichte ist je geschrieben worden, die etwas anderes war als eine Veränderung der Hauptfigur durch einen Konflikt hin zu einer Lösung."

 

Das können wir auch für die Lösungen der Familienaufstellungen anwenden. Wer zu einer Aufstellung mit einem ernsthaften Anliegen kommt, trägt immer in sich einen Konflikt. Er fühlt sich nicht seiner Familie zugehörig oder er hat Schwierigkeiten mit einem Geschwistern oder den Eltern, mit seinem Ehepartner, einem Kind oder er hat auch Schwierigkeiten mit sich selbst.
Aufstellungen zeigen dem Weg zur Lösungen. Aber diesen Weg muß jemand innerlich gehen. Er verändert sich dadurch, er entwickelt sich weiter. Und das ist immer ein Schritt, manchmal leicht zu gehen, manchmal schwierig, aber er muss gegangen werden. Dabei ist das Besondere: ein solcher Schritt liegt nicht in unserer Hand. Wir können ihn nicht mit Willenskraft gehen. So ist z. B. in einer Aufstellung manchmal ein lösender Satz angebracht wie "Ich achte dich". Der Stellvertreter spricht ihn begleitet von einer Verneigung aus. Der, dem die Verneigung gilt (und meist auch alle anderen Anwesenden) spürt, ob der Satz und die Verneigung stimmig sind oder künstlich.


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